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Gebet, den Lebenden
Unsere Tochter Ronja ist im Oktober 2003 gestorben, plötzlicher Kindstod. Seit gut einem Jahr sind wir bei den ≥verwaisten Eltern≥ und erleben den Austausch dort als sehr unterstützend und kraftvoll.
Ich glaube, das Schicksal, dass ein Kind vor den Eltern aus dem Leben geht ist schwer und bedarf viel Kraft, Entschlossenheit, Mut, Trauer um genommen zu werden. Unsere Kinder haben es uns zugetraut. Der Schritt es sich selbst zu trauen bedarf sehr viel.
Ein Freund machte mich erst heute darauf aufmerksam, dass der Begriff "Waise" an sich, fehlende Eltern bedeutet. "Verwaist" verweist also auf ein Seien als Kind. Ich bin weiterhin Ronjas Vater. Denn der bin ich und werde ich für Ronja als meine Tochter immer sein. Mögen wir betroffenen Väter und Männer lernen ≥weise Väter≥ zu sein und als solche auch wirken. Mögen wir auch für unsere Frauen wieder verständnisvolle, liebevolle und auch bedürftige Männer sein. Die Beziehung und die ganze Familie erfährt eine tiefe Wandlung. Ich selbst musste langsam wieder ins Leben und zu meinen Zielen und Träumen zurückfinden. Es lohnt sich dafür zu kämpfen, dass unter denen die bleiben und mit denen die gegangen sind Friede und Achtung herrschen.
Leid, Liebe und Freude sind unermesslich. Mir erscheint es als anstrengender Widerspruch in einer Welt zu leben, in der diese Unermesslichkeit oft vergessen scheint, sondern versucht wird zu messen, zu vergleichen, zu bewerten. Ich fordere, dass uns ein natürlicher Umgang mit dem Tod, mit dem Leben gelehrt und praktiziert wird. Mögen wir unsere Kraft nutzen. Nicht um stärker zu sein, als unsere Mitmenschen, sondern um das zu überwinden, was uns trennt.
Als Geschichtenerzähler beende ich diesen Artikel mit einer kleinen Geschichte:
Es war einmal ein kleiner Vogel. Dieser Vogel war anders als die anderen Vögel. Jedes mal wenn er am Horizont sah wie große, dunkle Wolken sich auftürmten freute er sich. Er liebte den Regen und flog hoch in die Luft um ihn zu begrüßen. Die anderen Vögel und Wesen suchten Unterschlupf, wollten trocken bleiben. So kam es, dass der Vogel oft den ganzen Himmel für sich alleine hatte. Er flog hoch hinaus um die ersten Regentropfen zu begrüßen.
Auch der Regen genoss es, geliebt zu werden und ließ sich voller Hingabe fallen. So tanzte der Vogel manch regnerische Stunde am Himmel und war glücklich.
Eines Tages war das Glück so laut, dass es die Sonne selbst durch die dicken Wolkenschicht hindurch hören konnte. Sonnen sind sehr neugierige Wesen, sie kommen jeden Tag um zu sehen was Neues geschehen ist. Als sie das Glück auf Erden hörte wunderte Sie sich wer denn dort auf Erden so glücklich sei ?
Sie machte sich ein kleines Loch in den Wolken und erblickte Σ den kleinen Vogel, den Regen und das Glück. Dieses Schauspiel gefiel ihr so gut, dass Sie ihm ihr Licht schenkte. Es erschien ein strahlender Regenbogen.
Jetzt sagen die Menschen, am Ende dieses Regenbogens sei ein glitzernder Schatz voller Gold und sind auf der Suche nach ihm. Ich habe aber diesen Schatz noch nie gefunden und kenne auch niemanden der diesen Schatz gefunden hat. Wen ich allerdings kenne, dass sind kleine Vögel, den Regen und das Glück.
Möge dieser Regen,
mögen unzählige geweinte und ungeweinte Tränen uns segnen.
Mit etwas von diesem Glück.
Mit dem Mut, wieder zu Lachen,
Mut weiter zu Leben,
oder sei es selbst
dem Mut zum Sterben.
Mögen die kleinen Vögel ab und zu
in Träumen, in Erinnerungen, auf ihre ganz eigene Weise
zu uns zu Besuch kommen.
Mögen auch diejenigen, die Himmel geblieben sind,
uns hören und freundlich auf uns sehen.
Möge unser Leid uns leiten und führen.
Mögen wir auch mit tiefen Wunden
noch die Wunder dieser Welt genießen.
Mögen wir uns trauen,
dank der Trauer weiter zu schreiten,
Schritt für Schritt
Träne für Träne,
Regenbogen um Regenbogen
Björn Nonhoff
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